Sommerschule_2016

Lehrstuhl für Politikwissenschaft

Zentrum für Kulturgeschichte und Institut für Geschichte und Ethnologie Eurasiens

der Süd-Uralischen Staatlichen Universität

Süd-Uralische Hochschule für Verwaltung und Wirtschaft

Die Gemeindeverwaltung Kunaschak

Landeskundliches Museum Tscheljabinsk

 

IV. Internationale Sommerschule

 

Ethnopolitische Entwicklungen in Zeiten der Globalisierung:

Staat, Region und lokale Gemeinschaften im postsowjetischen Raum (1990-2010er)

 

15. – 28. August 2016, Tscheljabinsk

Kursdauer/ Bewerbungsschluss

14 Tage (15. – 28. August 2016)

Anmeldeschluss: 30. Mai 2016 (verlaengert)

Anreise der Teilnehmer: 14. August 2016

Abreise der Teilnehmer: 29. August 2016

 

Zielgruppe

Studierende der Geschichtswissenschaften; Studierende der Sozialwissenschaften und der Politikwissenschaft; Studierende der Kulturwissenschaften und Ethnologie

Voraussetzungen

Forschungsinteresse bzw. Forschungsprojekt der Studierenden; wissenschaftliche Eignung; Grundkenntnisse der russischen Sprache erwünscht sind

 Bewerbungsunterlagen für Teilnahme

Lebenslauf

Fragebogen (siehe unten)

Kopie des Reisepasses

Exposé des eigenen Projekts (falls das eigene Projekt im Laufe der Sommerschule vorgestellt werden soll)

 Teilnehmerzahl

Maximum: 10

 Kosten

Die Kosten für die Teilnahme an der Sommerschule belaufen sich auf 620 Euro und decken den Transfer vom Flughafen, Sprachkurse, Vorlesungen, Seminare und Workshops wie auch ein umfassendes Exkursionsprogramm (Stadtführungen, Museen und Gemäldegalerie, thematische Exkursionen), sowie das Übungsbuch der Sommerschule). Diese Summe umfasst nicht die Kosten für die Anreise, Versicherung, Visabeschaffung und Verpflegung.

Visum

Die Teilnehmer, die den Auswahlprozess erfolgreich durchlaufen haben, erhalten eine offizielle Einladung, mit der sie ein Visum bei den russischen Vertretungen in Deutschland beantragen können.

 Unterkunft und Verpflegung

Die Teilnehmer der Sommerschule werden im Studentenwohnheim (im Zentrum, neben dem Unihauptgebaeude). Die Verpflegung kann nach eigenem Geschmack organisiert werden. Dafür verfügt die Universität über zahlreiche Cafes und Mensen. Vegetarische Kost ist in jedem Menü vorgesehen. Die täglichen Ausgaben werden maximal 10-15 Euro ausmachen.

 Veranstaltungssprachen

Deutsch, Englisch, Russisch

 

Beschreibung zum Inhalt und zum Ablauf der Sommerschule 

Sprachkurs

Der Fokus des Sprachkurses liegt auf Sprachpraxis und fachgebundener Lexika. Der Sprachunterricht dauert täglich 2 Stunden.

 Fachkurs

Die Perestroika und der Zusammenbruch der UdSSR haben die Suche nach einer ethnischen und lokalen Identität im postsowjetischen Raum provoziert und befördert. Für die Russische Föderation ist die Frage der Bildung einer ethnisch-kulturellen Politik als Nachfolger der UdSSR in vielerlei Hinsicht eine strategische. In den gegenwärtigen politischen Praktiken Moskaus ist die sowjetische Tradition latent vorherrschend. Anstatt dass sie die entstehende Diversität des ethnopolitischen und ethnokulturellen Flickenteppich der Regionen berücksichtigt tendiert die Politik zu häufig in zwei Extreme. Entweder wird die nationale Komponente hypertrophisch gefördert oder die dünnen Fäden der gegenseitigen ethnischen Beziehungen werden mit der traditionellen sowjetischen Empfindungslosigkeit behandelt. Insbesondere in den multiethnischen Republiken und Regionen der Russischen Föderation konnte man in der Vergangenheit - aber auch heute - Versuche des Staates beobachten, die (National-) Geschichte in den Dienst politischen Interessen zu stellen.

Die Entstehung kollidierender nationalpolitischer Räume löst gegenwärtige eine grosse Neugier und ein immenses Forschungsinteresse für die Geschichte des heimatlichen Gebietes, des eigenen ethnischen Ursprungs und der Familiengeschichte aus. In vielen Regionen läuft ein aktiver Prozess der Institutionalisierung ab – Es werden ethnokulturelle Zentren gegründet, ursprüngliche Kulturtraditionen werden wieder(ge)erfunden und rituelle Feiertage entfalten sich neu. Einerseits knüpfen diese Phänomene an die politische Tradition der Sowjetunion an; als man versuchte eine nationale, politisch definierte Nation zu gründen die gleichzeitig die kulturell-folkloristischen Komponente der nationalen Identität betonte. Auf der anderen Seite werden diese, beispielsweise in Bezug auf die lokalen national-kulturellen Bräuche der Bevölkerung, jedoch verleugnet.

Die vierte internationale Sommerschule ist den Spezifika der ethnokulturellen Entwicklung im postsowjetischen Raum gewidmet. Die globalen, regionalen und lokalen ethnologischen Prozesse stehen am Beispiel der russischen Ural-Region im Zentrum der Aufmerksamkeit.

Der Ural, ein Gebiet, dass sich vom Norden in den Süden zwischen den osteuropäischen und den südsibirischen Ebenen erstreckt, ist eine besondere russische Region. Dank seiner geographischen Lage an der Schnittstelle zwischen Europa und Asien und seiner Rolle als historisches Frontier-Gebiet hat sich der Ural in ein ethnisches Gefüge verwandelt, in einen Raum des (konfliktreichen) Aufeinandertreffens und der gegenseitigen Durchdringung verschiedener Ethnien und Kulturen. Einerseits erschwert die Vielzahl der unterschiedlichen ethnischen und ethnoreligiösen Gemeinschaften die interkulturellen Kommunikationsprozesse und andererseits erzeugt sie das für den Ural typische Phänomen der Multikulturalität.

Die ständig neuen Migrationsströme, die in der Epoche der Globalisierung den Ural durchqueren, treffen auf diesen historisch gewachsenen spezifischen ethnokulturellen Kontext. Stereotypische Konstrukts und Diskurse wiederrum, beeinflussen die Bildung einer (toleranten) ethnischen Haltung, die die Region des Süd-Urals von anderen, insbesondere von den zentralen Regionen der Russischen Föderation, unterscheidet.

Modul I: „Ethnische Vielfalt: historische Rückschau“

Das erste Modul erarbeitet die vielschichtigen Bildungsprozesse der heutigen ethnografischen Gruppen im Ural. Der (Wald-) Steppengürtel des Urals hatte bis zum achten Jahrhundert nach Christus die Funktion eines „Windkanals der Völker“ (L. Gumilev) der Nomadenströme, Skythisch-Sarmatische Volksstämme, Hunnen und Turkvölker in die voruralischen Gebiete hinaus blies. Die verspätet einsetzende russische Kolonisierung verstärkte einerseits die Prozesse des interkulturellen Austausches während sie gleichzeitig auch aber ihre Konflikte verschärfte. Sie transformierte die Wolga-Ural Region in ein „Versuchsfeld“ (R. G. Kuzeev) nationaler, administrativ-territorialer und kultureller Politiken der russischen Monarchen, und zuletzt der Sowjetmacht. Während sich am Ende der zaristischen Verwaltung zwei gegensätzliche Tendenzen vereinigten, die Russifizierung (Christianisierung) der örtlichen Bevölkerung und ein funktionalen Pragmatismus, führten die Modernisierung und Repressionen der bolschewistischen Politik zu einer weiteren Verkomplizierung der ethnischen und konfessionellen Strukturen in der Region; die Evakuierungen und Deportationen der Völker schufen neue (Konflikt-) Felder der reziproken Beeinflussung- zu lasteneiner gegenseitigen Toleranz. Eben diese Entwicklungen bestimmen den ambivalenten Verlauf der ethnokulturellen Prozesse in der postsowjetischen Periode.

Im Rahmen von Vorlesungen und praktischen Übungen machen sich die Teilnehmer mit den grundlegenden Konzepten der historischen ethnologischen Forschung vertraut. Sie erarbeiten die Spezifika der politischen Praktiken der lokalen Gemeindeverwaltung unter der zaristischen und der sowjetischen Macht. Diese politischen Herangehensweisen stützten sich auf die örtlichen Stammeseliten, auf ihre Praktik der Glaubenstoleranz und die Tradition der Nichteinmischung in kulturelle Traditionen oder ethnokulturellen Besonderheiten. So wurde beispielsweise die Integration muslimischer Gruppen in der Kosakenverwaltung gefördert und die Bildung turksprachiger rechtsgläubiger Gruppen erlaubt.

Modul II: „Ethnopolitische Prozesse im postsowjetischen Raum: Staatspolitik, Mythos und Ethnonationalismus“

Das zweite Modul widmet sich der politischen Dimension bei den Bildungsprozessender lokalen Identitäten nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion. Dabei wird auch eine Analyse der aktuellen russischen Politik zur Bewahrung und Schutz des ethno-kulturellen Nachlasses vorgenommen. Eines der zentralen Probleme des wissenschaftlichen Forschungsfeldes ist die Frage, ob der Gebrauch des europäischen Begriffs „Globalisierung“ relevant für die russische provinzielle Wirklichkeit ist. Auf der Grundlage von Dokumenten aus der lokalen Verwaltung und verschiedenen politischen Organisationen, sowie konkreten Veranstaltungsplänen und Publikationen aus den Massenmedien, werden die Teilnehmer unter Anderem die Besonderheiten einer Mythologisierung der ethnonationalistischen Dimension zu politischen Zwecken und einer territorialen Vermarktung herausarbeiten. Stereotypen und Parolen einer ethnonationalistischen und ethnokulturellen Toleranz werden im Zentrum der Diskussionen stehen; ihre Auffälligkeiten und Tendenzen bei der politischen Instrumentalisierung für ethnonationalistischer Ziele.

Die Teilnehmer bekommen die Möglichkeit sich mit Vertretern der lokalen Verwaltung (Abgeordnete der Gemeinden) zu treffen und im Rahmen von Podiumsdiskussionen ihre Fragen zu stellen

Modul III: „Ethnokulturelle Alltagspraktiken in einer russischen Vielvölkerregion“

Im dritten Modul lernen die Teilnehmer die ethnokulturellen Zentren in der Region kennen, die einerseits die lokale Identität bestärken und sie gleichzeitig neu erschaffen. Im Rahmen von Exkursionen und praktischen Übungen besuchen die Teilnehmer Orte, an denen ethnokulturelle Besonderheiten besonders deutlich auftreten und nach außen vermittelt werden. Sie beobachten nicht nur die Bräuche und Rituale sondern nehmen aktiv an ihnen teil. Die Studenten bekommen die Möglichkeit der Mitglieder verschiedener kulturellen und religiösen Gemeinschaften zu interviewen. Sie können Personen des öffentlichen Lebens befragen, die ethnischen Traditionen pflegen oder sie im Gegenteil verneinen, die die Idee der lokalen ethnischen Identität politisieren oder als Vertreter kommerzieller Strukturen zur Werbung von lokalen Produkten und Dienstleitungen benutzen.

Unter dem Eindruck sehr guter Erfahrungen folgt die Tscheljabinsker Sommerschule dem Primat interaktiver und offener Lehrmethoden. Die Organisatoren stellen sich der Aufgabe, die Sommerschule in eine Diskussionsplattform für aktuelle wissenschaftliche Probleme zu verwandeln. Die Kooperation zwischen den russischen und den aus dem Ausland angereisten Studierenden wird angeregt und unterstützt.

Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer bekommen die Möglichkeit, Zeit in einer der Vielvölkerregionen des Südurals zu verbringen. Hier können sie die verschiedenen Ausdrucksformen der diversen lokalen und ethnoreligiösen Erscheinungsformen direkt beobachten. Diese teilnehmende Beobachtung ist einerseits integraler Bestandteil des Lehrplans der Sommerschule und andererseits des Programms, dass die Teilnehmer selbst entwickeln: Treffen, Gespräche, und Interviews mit der lokalen Bevölkerung sowie die Teilnahme an den Festen und Ritualen. Parallel dazu, werden diese Beobachtungen auf der theoretischen Ebene im Kontext der Globalisierung und unter den Bedingungen der medialen Revolution analysiert. Die teilnehmenden Studenten bilden Arbeitsgruppen (drei bis vier Personen pro Gruppe) und entwickeln ein gemeinsames Forschungsprojekt, das sie am Ende der Sommerschule in einem eintägigen Abschlussworkshop vorstellen. Alternativ besteht die Möglichkeit, ein individuelles wissenschaftliches Projekt zu bearbeiten, das thematisch in den Rahmen der Sommerschule passt. Jede Arbeitsgruppe erforscht eine bestimmte Fragestellung zu den lokalen ethnopolitischen Prozessen im Kontext der Globalisierung. Die Studierenden können dabei auf reichhaltige Quellen (Dokumente, Zeitzeugengespräche, visuelles Material der Rituale und Feierlichkeiten) zurückgreifen.

Kulturprogramm

In einem umfangreichen kulturellen Rahmenprogramm können die Teilnehmerinnen und Teilnehmer der Sommerschule die Stadt Tscheljabinsk erkunden, ihre verschiedenen Museen besichtigen, einige Nachbarstädte und Dörfer der Umgebung besuchen und auf einer Exkursion die Landschaft des Südurals erkunden. 

 Veranstalter

Das Zentrum für Kulturgeschichte verfügt über viel Erfahrung in der regelmäßigen Durchführung von internationalen wissenschaftlichen Konferenzen in Tscheljabinsk und Moskau, auf denen aktuelle Themen zur russischen Wissenschaft und Gesellschaft diskutiert werden, sowie von Seminaren und Meisterklassen für Studenten. Einige der letzten großen Veranstaltungen in diesem Rahmen waren Konferenzen, die sich mit dem historischen Gedächtnis, der Kriegserfahrung des 20. Jahrhunderts und der Rolle visueller Bilder und Gerüchte in der Neueren und Neusten Geschichte befassten. Diese Foren fanden spürbare Resonanz in den Medien und in der wissenschaftlichen Öffentlichkeit, und ihre Ergebnisse wurden in thematischen Sammelbänden veröffentlicht, die auch Eingang fanden in die größten öffentlichen Büchereien und Universitätsbibliotheken der Welt.

Das Zentrum kann erfolgreiche Projekte aufweisen, die es gemeinsam mit der Humboldt Universität in Berlin, mit dem Deutschen Historischen Institut in Moskau und dem Französisch-Russichen Zentrum der Sozialwissenschaften in Moskau durchführte. Außerdem ist das Zentrum wissenschaftlicher Betreuer einer internationalen Diskussionsplattform, des Internet-Seminars zur russischen Geschichte, das zusammen mit der Universität Basel organisiert wird (www.histsemee.ru). Das Zentrum fungierte auch schon öfters als aufnehmende Instanz für Stipendiaten der Bosch-Stiftung und des DAADs und betreute wissenschaftliche Forschungsaufenthalte von Spezialisten zur russischen und sowjetischen Geschichte.

               Kontakt

Dr. Olga Nikonova

Zentrum für Kulturgeschichte,

Tel. +7 (922)2314892

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Fragebogen 

 

 

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